Archiv

Xplore Wien 2013

Aktuell sind 52 Gäste und keine Mitglieder online

xplore09-Über die xplore 2009 von Christine Janson

Mach mit mir was du willst!

Bewegungslos beobachtete die Kamera diesen nackten Rücken. Er rührte sich nicht und lag voller Hingabe auf dem Boden. Makellos rein und zart wirkte diese Haut und schrie förmlich danach, dass ihre Unschuld zerstört würde. Die erste Nadel, die die nackte junge Frau über diesen Rücken gleiten ließ, berührte ihn fast zärtlich, ritzte die Haut nur ein klein wenig, so als ob sich Dornröschen aus Versehen in den Finger gestochen hätte. Ein kleiner Unfall, weiter nichts! Und der Rücken zuckte noch nicht mal, als sich ein blutiges Rinnsal aus dem Riss bildete und einen roten Streifen auf diesen unversehrten Körper zauberte. Der Anblick von Blut schien die Frau zu erregen, und immer wieder ließ sie die Spitze der Nadel über diesen geduldigen Rücken gleiten, hoch und runter, kreuz und quer. Ihre Hände bewegten sich wie von alleine, verfielen in einen Rausch und schienen einer unbekannten Macht zu gehorchen, die von ihr Besitz ergriffen hatte.

Sie badete ihr Gesicht in diesem frischen Blut, verschmierte es auf ihren Wangen, saugte es in sich auf, und erbarmungslos hielt uns die Kamera gefangen. Wir entkamen diesem grausamen Gemetzel nicht, das sich unaufhaltsam vor uns ausbreitete, und das ich mit einer Mischung aus Ekel und gleichzeitiger Faszination betrachtete. Blutspiele gehörten bisher nicht zu meinem Repertoire, aber in diesem Film von Catherine Corringer, machten sie mich sogar an und ich erschrak über mich selbst. Wie kann mich Grausamkeit so anmachen? Ist das politisch noch korrekt? Ich fühlte mich beschämt. "In Between" hieß diese extreme Performance, die mich an ein archaisches Blutritual erinnerte. Eine alte Frau thronte über diesen beiden nackten Körpern, gab Befehle an die junge Frau, die sie auszuführen hatte, vergewaltigte sie mit langen Stäben, die an Maiskolben erinnerten, und ab und zu ruhte die Kamera auf dem Kopf des Mannes, der misshandelt wurde und der keine Miene verzog. Die Intensität der Bilder grub sich tief in mein Hirn ein, so wie die Nadeln für immer Spuren auf diesem Rücken hinterlassen hatten. Nachdem die Teilnehmer dieses "SM in screen" workshops sich ein wenig erholt hatten, durften sie selbst ein Minivideo von 10 Minuten mit Handys oder Kameras drehen. Wir sollten uns zu dritt zusammenfinden und ein Team von Kameramann, Sub und Top bilden. Zunächst fühlten wir uns dieser Aufgabe nicht so recht gewachsen, aber Catherine erklärte, dass wir uns auf ein Körperteil und eine einzige sadistische Aktion reduzieren sollten, und die Kamera dabei die Rolle des regungslosen Beobachters hätte. Die Sub aus unserem Trio durfte sich in einem Sessel zurücklehnen, und ich sollte sie am Oberarm kratzen. 10 Minuten lang! Das ist eine verdammt lange Zeit, um einen Film zu füllen, dachte ich. Aber dann begann unser erotisches Spiel, und ich versank in diese eigenartige Intensität. "Du darfst mit mir machen, was du willst!", hatte mich unsere Sub ermuntert und da sie – wie ich wusste - hart im Nehmen war, ließ ich alle Hemmungen fallen. Zuerst ließ ich meine Krallen noch etwas zögerlich über ihren Arm gleiten, aber bald packte mich dieser Rausch, den ich auch im Film gesehen hatte. Ich vergrub meine Nägel in ihrem weichen Fleisch, genoss das Zucken ihres gequälten Körpers und spürte gleichzeitig ihre Lust, die zu meiner Lust wurde. Eigentlich hätte ich gerne noch meine Zähne in diesen unwiderstehlichen Arm versenkt, meinen Mund auf diese Lippen gepresst, die sich zu einem lautlosen Schrei geöffnet hatten, aber da war die Zeit auch schon um. Beim nächsten Film dann …

 

 

Ich war zum sechsten Mal auf der Xplore, und jedes Jahr fragte ich mich, ob es eine Steigerung gäbe. Dieses Mal fielen mir besonders viele junge Gesichter auf, die mir vorher noch nie begegnet waren. Beim Anstehen vor der Toilette erzählte mir ein junges Mädel begeistert von der sinnlichen Massage für Frauen, die von Laura Méritt angeleitet wurde. "Das war total klasse und ich konnte mich meiner Partnerin voll hingeben!", schwärmte sie. "Also mir ging das alles viel zu schnell", mischte sich die Frau ein, die in der Warteschlange vor ihr stand. "Ankommen und gleich Beine breit machen, das funktioniert bei mir nicht." Durch diese Kontroverse wurde ich neugierig auf Laura und besuchte ihren Sexspielzeug workshop im Zelt. Eine sympathisch grinsende Frau mit streichholzkurzen braunen Haaren packte vor uns ihre Spielzeugkiste aus. Laura hat einen Doktortitel im Lachyoga und jeden Freitag lädt sie neugierige Frauen und deren Begleiter in ihren erotischen Salon ein, um sich mit den Spielzeugen vertraut zu machen. Obwohl mir sextoys nicht gänzlich unbekannt waren, erfuhr ich einiges, was ich noch nicht wusste, z.B. dass die unersättliche Kleopatra sich eine mit Wespen gefüllte Pergamentrolle in die Möse zu stecken pflegte. Ob der Ausdruck "Hummeln im Hintern haben" am Ende wohl doch wörtlich zu nehmen ist? Wir massierten uns mit dem Turbovibrator Magic Wand, der auch die härtesten Verspannungen lösen kann und rätselten, in welche Öffnungen die Windungen der verschiedenen Dildos am besten passen könnten. Am liebsten hätte ich gern alle Toys an Ort und Stelle ausprobiert. Nackt!

Besonders freute ich mich auf den Peitschenworkshop von Felix, den ich gemeinsam mit meinem Freund besuchen wollte. Mit Hieben war er noch nicht so vertraut und so sah ich es als eine willkommene Gelegenheit an, ihm einen Einblick zu verschaffen in die dunklen Abgründen meiner Seele. "Draufhauen kann jeder", erklärte uns Felix, "… ihr müsst die Peitsche als eine Verlängerung eures Arms verstehen." Wir erfuhren, dass man mit einer Peitsche auch streicheln, den Griff in die Rippen bohren oder sie um den Hals wickeln und jemanden in die Knie zwingen kann. Ich zog mich bis aufs Höschen aus und reckte meinem Liebsten lasziv meinen Po entgegen. Seine schlagkräftige Antwort ließ nicht lange auf sich warten. Aber alles was neu und ungewohnt ist, strengt auch an. "Du siehst so leidend aus", kritisierte Felix nicht etwa mich, sondern meinen Freund, der sich sichtlich abmühte, mir Lust zu verschaffen. "So macht man das", demonstrierte er, und mit geübtem Griff schlug er mir kräftig auf beide Backen. Nach dieser Demonstration, klappte es auch bei meinem Freund anschließend gleich viel besser, und seine dominante Rolle schien im immer besser zu gefallen. Seinem lustvollen Stöhnen nach zu urteilen, werden wir auf diesem Gebiet sicherlich noch viel Spaß miteinander haben. "Lass uns zur Fußfolter gehen", schlug er gleich am nächsten Tag vor, und wir bestaunten all die wundersamen Hilfsmittel, die Delta RAI und Caprice auf einem Tisch für uns ausgebreitet hatten. "Durchsucht einfach mal eure Küche und ihr werdet erstaunt sein, welch wunderbaren Folterinstrumente sich dort finden", erklärte uns Delta. In der Tat quiekte ich entsetzt, als sich ein Schaschlikspieß in meine Fußsohle bohrte und selbst der harmlos aussehende Haushaltsgummi tat höllisch weh. Ich erfuhr am eigenen Fuß, dass man mit einer Käsereibe nicht nur Parmesan raspeln kann und dass brennende Geburtstagskerzen auch zwischen den Zehen sehr dekorativ aussehen können. Was ich an der Xplore so schätze, ist die Verbindung von Gegensätzen und der Austausch der verschiedensten erotischen Subkulturen. Auch wenn der Schwerpunkt eher im experimentellen BDSM Bereich liegt, so ist doch auch viel Raum für sanftere Ausdrucksmöglichkeiten der Lust. Im sinnlichen Männermassagekurs führte uns Jorgos von Gay Love Spirit in die Geheimnisse männlicher Erotik ein. Genussvoll strich ich über den knackigen Po meines Partners und vergaß dabei fast meine schmerzenden Knie, die es nicht gewohnt waren, so lange in einer Position zu verharren. Besonders eifrig massierte ich sein bestes Stück, als Jorgos uns die "Zitronenpresse" demonstrierte (mit einer Hand reibt man über die Eichel und mit der anderen drückt man den Penis fest zusammen). Auch beim "Feuermachen" (der Penis wird zwischen meinen Handflächen schnell gerieben), legte ich mich mächtig ins Zeug. Aber irgendwie hatte ich es wohl ein wenig übertrieben, denn mein Partner verzog schmerzlich das Gesicht und ich muss wohl zu Hause noch ein wenig üben. Bei Kai und Ehrhardt belegte ich später dann noch das Massagerollenspiel. Die Hälfte der Zeit ging dafür drauf, den überfüllten Raum zur Ruhe zu bringen und die erwartungsfrohe Meute irgendwie zu organisieren. Die Hälfte von uns sollte auf dem Boden liegen und sich von wechselnden Partnern massieren lassen. Der aktive Part bekam eine geheime Anweisung, mit welcher Intention er massieren sollte und die Passiven mussten dann dieses Rollenspiel erraten. "Entspannungsmassage" konnte ich noch ganz gut als Thema erkennen und auch als ein junger Wilder aus New York sich lustvoll auf mich stürzte, wurde mir klar, dass seine Intention was mit Sex zu tun haben musste. Seine Hände schienen überall auf meinem Körper gleichzeitig zu liegen und mich zu befühlen. "Oh jaaaa …" Zufällig schielte ich zu meinem Freund, der von einer barbusigen Dame mit geschickten Massagegriffen verwöhnt wurde. Es schien ihm zu gefallen und das ärgerte mich ein wenig. Mit einer Mischung aus Eifersucht und Lust überließ ich mich wieder meinem Toyboy, und öffnete meine Schenkel ein wenig mehr …

Eifersucht war natürlich auch auf der Xplore ein Thema. Wer ist schon innerlich so frei, dass er sich über die Lust des Partners mit jemand anderem bedingungslos freuen kann? Ich nicht! ;-) Auch wenn meine Eifersucht lang nicht mehr so schlimm ist wie früher. Dossie Easton thematisierte dieses unangenehme Gefühl in ihrem workshop über Polyamory: "Ethical Slut". Diese ältere Dame, die auf den ersten Blick wie eine freundliche amerikanische granny wirkte, war ein besonderes Highlight auf der Xplore. Dossie ist ein Kind der San Francisco Hippie Bewegung und eine bekannte Sub in der amerikanischen BDSM Szene. Sie arbeitet als Therapeutin und Sex Beraterin und hat einige Bestseller über freie Liebe geschrieben und darüber, wie man zum furchtlosen Dom und/oder zum perfekten Sub wird. Wir diskutierten in ihrem workshop über die verschiedensten Facetten von Eifersucht. Für den einen waren es mehr die Verlustängste, die ihn leiden ließen, für den anderen war es der angekratzte Selbstwert, der ihm zu schaffen machte. Dossie erklärte uns, wie sie diesem Gefühl am besten zu Leibe rückt, wenn es sie mal wieder überkommt: indem sie ihren Küchenboden wienert. Sollte ich auch mal ausprobieren und somit könnte ich meinen Putzmann einsparen! Am Sonntagnachmittag lud Dossie uns ein, mit ihr ein Schmerzritual zu zelebrieren, das uns neue Höhenflüge bescheren sollte. Wir saßen unserem Partner gegenüber und übten eine Atemtechnik, die ich bereits aus dem Tantra kannte. Dabei sollten wir das Becken vor und zurück rollen und anschließend durften wir uns von unserem Übungspartner wünschen, auf welche Weise er uns Schmerz zufügen sollte. Kratzen, Beißen, Kneifen und Schlagen standen dabei zur Auswahl. Ich wollte auf meinen Oberarm geschlagen werden, entschied ich. Wieder schloss ich die Augen und konzentrierte mich auf meinen Atemrhythmus. Die Schläge wurden intensiver und durch das tiefe Atmen breitete sich der Schmerz im ganzen Körper aus. Mein Becken schien sich wie von alleine zu bewegen, die Wirbelsäule schlängelte in alle Richtungen und ich begann mich vom Boden zu lösen und den Sternen entgegen zu fliegen. Die Grenzen meines Körpers schienen sich aufzulösen, und ich wusste nicht mehr, welcher Arm zu mir gehörte und welcher zu meinem Partner. Wir verschmolzen zu einem einzigen pulsierenden Wesens, das sich in der unendlichen Weite des Kosmos ausdehnte. In diesem Augenblick fühle ich mich total glücklich! Ich konnte mich ganz fallen lassen, fühle mich innig mit meinem Partner und allen anderen Menschen in diesem Raum verbunden und in meinem Herzen tief berührt. Sanft nahm mich mein Freund in den Arm und hielt mich ewig lange. Was für ein schönes Abschlussgeschenk!

Dossie schaffte es, Spiritualität und BDSM auf wunderbare Weise zu verbinden, und da sie ein Kind des New Age ist, versammelten wir uns anschließend noch im Kreis und stimmten ein Meditationslied an. Felix stand mir am anderen Ende des Raums gegenüber und sogar auf die Entfernung konnte ich fühlen, dass sich seine Nackenhaare ein wenig sträubten, bei so viel Lagerfeuerromantik. Aber der Applaus der Teilnehmer sprach für sich. Es war nicht nur ein Applaus für Dossie, sondern für die Xplore, die auf ihre Weise einzigartig ist. Hier darf jeder so sein wie er sich fühlt, ohne sich einem Gruppenzwang anpassen zu müssen. Die verschiedenen erotischen Subkulturen ergänzen und inspirieren sich, anstatt in Konkurrenz miteinander zu treten. Aus der ganzen Welt kommen hier die unterschiedlichsten Menschen zusammen, um sich auszutauschen und sich gegenseitig zu inspirieren. Deshalb ist dieses Event ist noch viel mehr als nur die Lust an der Kunst und die Kunst der Lust. Sie ist ein Beispiel, wie globale Vernetzung aussehen sollte und wie Menschen in Liebe miteinander wachsen können!

Es gab noch so viele andere wunderbare workshops, die ich in diesem Artikel aus Platzgründen nicht mehr alle beschreiben kann, aber ich danke allen Seminarleitern und Teilnehmern sehr, für diese bewegenden Tage. Das Verabschieden fiel mir auch diesmal wieder schwer und ich verschwand so unauffällig wie Aschenputtel, um mir den Trennungsschmerz zu erleichtern. Auf der Heimreise freute ich mich dann schon auf Juli 2010 … auf die nächste Xplore. Und darauf, euch alle wiederzusehen!