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Xplore Wien 2013

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xplore04-Staatsknete für Fesselspiele? von Michaela Schlangenwerth (BERLINER ZEITUNG, 21.08.2004)

Das hat sich gerade geändert - allerdings nicht in der Weise, an die Ruckert gedacht haben dürfte. Seit einer Woche steht er fast täglich in der Bild-Zeitung. Von Skandal ist die Rede, von perversen Fessel-Spielen, Fußfolter und Nadel-Qualen, die der "Sex-Künstler Ruckert" mit Steuergeldern finanziere. Man las Titel wie "Da platzt einem doch der Knoten: Fesselsex-Künstler bekommt noch einmal 150 000 Euro vom Senat".

Tatsächlich hat es all das zwischen dem 23. und 25. Juli im Berliner Off-Theater Dock 11 gegeben, wenn auch in einem anderen Geist als Bild & Co suggerieren. Der "xplore 04: extreme sinnlichkeit - sinnliche extreme" betitelte Wochenend-Workshop wurde von Felix Ruckert initiiert und mit Fördermitteln der Senatsverwaltung finanziert. Ruckert erhielt für 2003/2004 eine so genannte Basisförderung von insgesamt 100000 Euro. Knapp 10000 Euro davon flossen in das "xplore"-Wochenende. "Mit freundlicher Unterstützung der Senatsverwaltung für Wissenschaft, Forschung und Kultur", heißt es auf der Rückseite der Broschüre, die Workshops wie "Spiele mit Nadeln", "Spanking und Rohrstock", "Orgasmusschule" oder "Heißes Wachs" präsentiert. Das ist selbst für aufgeschlossene Gemüter harter Stoff.

Felix Ruckert ist mit seiner Familie im Urlaub. Er telefoniert jetzt viel mit Journalisten und kann die Aufregung nicht verstehen: Gerade in unserer heutigen Gesellschaft, in der Sex so kommerzialisiert werde, sei es doch unbedingt auch eine Aufgabe der Kunst andere Vorstellungen und Visionen von Sexualität zu entwickeln. Es sei bei diesen Workshops zunächst einmal um den Körper gegangen. Um einen Körper allerdings, der die sonst im Tanz oft ausgeklammerte Sexualität mit einbeziehe. Yoga, Tai Chi, Meditation: Dass alles seien Techniken, die nicht für den Tanz erfunden wurden, die aber die Körperwahrnehmung nachhaltig veränderten und auch neue Tanzstile hervorbrachten. "Auch im Sadomasochismus sind Körper- und Inszenierungstechniken entstanden, die dem Tanz neue Impulse geben können und diese Aspekte interessieren mich", sagt Ruckert.
Fest steht: Das Begehren des Betrachters begleitete das Ballett von Anfang an. In der Pariser Oper etwa ergötzten sich die Herren erst von ihren Logen aus an den Tänzerinnen; nach der Aufführung vergnügten sie sich mit ihnen im Séparée. Die Libertinage ist fester Bestandteil der Ballettgeschichte; so verdienten bis fast ans Ende des 19. Jahrhunderts viele Tänzerinnen ihren Lebensunterhalt.

In nicht ganz so krasser Ausformung spielt dieser Voyeurismus auch heute noch eine Rolle - und ist für den Boulevard als Herrenwitz durchaus akzeptabel, denn die Herrschaftsverhältnisse werden nicht angetastet. Doch der begehrliche Blick des Zuschauers ist immer da: Im Tanz wie im Schauspiel sind Beliebtheit und Bewertung der Leistung stark an das Aussehen der Künstler gekoppelt. Ohne eine Reflektion der Beziehungen zwischen Darsteller und Betrachter sowie der Objekthaftigkeit von Kunst ist die moderne Kunstgeschichte nicht zu denken.

Felix Ruckert, der früher bei Pina Bausch tanzte, fand eher zufällig zu diesem Thema. 1995 arbeitete er während der Proben an einem neuen Stück individuell mit seinen Tänzern, und weil er diese Konstellation außerordentlich spannend fand, warf er sein bisheriges Konzept um. Er entwickelte "Hautnah", ein Stück, in dem sich ein Tänzer und ein Zuschauer fünfzehn Minuten lang in einem Séparée begegnen. "Hautnah" ging um die Welt und wurde 1999 von der New York Times zu einer der zehn wichtigsten Tanzaufführungen des Jahres gewählt. Ruckert hatte zu seinem Theater gefunden: Während andere Künstler das Thema in Diskursen verhandelten, sprang er sozusagen mitten in das Begehren hinein. Er brach, auch in jedem seiner Folgestücke, die Trennung zwischen Darsteller und Zuschauer auf und setzte anstelle der Simulation von Bedeutung die direkte Erfahrung aller Beteiligten. Die Frage nach Macht und Ohnmacht und die nach dem Verhältnis zwischen Kunst und Ritual ist dabei wesentlich.
Sadomasochismus wurde zu einer Chiffre dafür.

Dieses Jahr wird Felix Ruckert ein Stück für das Staatsballett in Hanoi choreografieren, im nächsten Jahr arbeitet er für das Ballett in Tokyo. Mit Stücken wie "Made in Berlin" wird er weltweit gefeiert, aber jetzt läuft er Gefahr seine Förderung zu verlieren: für 2005/2006 waren ihm von einer Fachjury gerade 150 000 Euro zuerkannt worden. Für Manfred Fischer, in der Kulturverwaltung zuständig für Projektförderung und Stipendien, ist die Kulturverwaltung keine Zensurbehörde, sie wolle sich vom Boulevard nicht aufhetzen lassen. Sie werde aber prüfen, ob der von Ruckert veranstaltete Workshop "mit dem Zuwendungszweck in Einklang steht". Denn die Basisförderung lässt dem Künstler einen gewissen Spielraum: Förderungszweck sind "Inszenierungen und die allgemeine Theaterarbeit". Der Künstler muss zudem genau abrechnen, wie er die Gelder verwendet hat. Von dem besagten Wochenende wusste man in der Kulturverwaltung nichts, aber in Ruckerts Logik gehört es unbedingt zu seiner Theaterarbeit. Es ging ihm um die Erforschung von Lustritualen.

Als Nächstes will er ein Tanzstück über das Neue Testament inszenieren; er beschäftigt sich mit rituellen Praktiken im Christentum, in denen die Selbstpeinigung eine große Rolle spielte. Er mag, auch nach Ansicht der Renzensentin, den Bogen mit dem Workshop überspannt haben, aber Veruntreuung wird man ihm schwerlich vorwerfen können. Gerade erst vor wenigen Wochen machte Calixto Bieitos Mozart-Inszenierung "Die Entführung aus dem Serail" Skandal. Heftig wurde gestritten, am Ende trug die Kunst den Sieg davon. Im "Fall Ruckert" forderte der CDU-Abgeordnete Karl-Georg Wellmann den Senat bereits auf, die Förderung des Projekts "xplore04" zu rechtfertigen. Felix Ruckert ist ein ernst zu nehmender, anerkannter Künstler. Sollte er seine Förderung ob des Skandals verlieren: Es wäre ein Sieg für den Boulevard und eine Niederlage für die Kunst.